Wollen wir tyrannische Kinder?

Tyrannische Kinder |Prawny_morguefile

Die Abschaffung der Kindheit und ihre Folgen

Vor Jahren habe ich bei einer Bekannten das Buch „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ gesehen. Es war im Jahre 2008 ein Bestseller. Da hatte ich noch kein Kind und hab es mir von daher nicht gekauft. Jetzt habe ich ein Kind und die Lektüre gibt es nun als Taschenbuch im Goldmann-Verlag. Der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff hat das Buch geschrieben. Er hat eine völlig andere Sicht auf Erziehung und Kindheit, als es dem Zeitgeist entspricht. Das gefällt mir. Jesper Juul und co. schwafeln immer dasselbe.

Heutzutage gibt es auffallend immer mehr „schwierige“ Kinder, wo sich Erzieher in Kindergarten und Schule mittlerweile hilflos fühlen. Diesem Phänomen geht Winterhoff in seinem Buch auf die Spur. Er kritisiert die partnerschaftliche Beziehung zum Kind, weil Kinder damit überfordert seien. Gerade Alleinerziehende betrachten ihr Kind oft als Partnerersatz. Eltern möchten von ihrem Kind geliebt werden und scheuen deswegen harte Auseinandersetzungen, Regeln und Verbote. Nach Winterhoffs Ansicht benötigen Kinder klare Regeln, an denen sie sich orientieren können. Nur dann sei eine normale Entwicklung der kindlichen Psyche möglich. Der Psychiater zeigt an Beispielen auf, was passiert, wenn Kinder falsch erzogen werden. Sie entwickeln sich in eine ungünstige Richtung. Und bei Kindern im Grundschulalter kann man dann nicht mehr auf den „Restart“-Knopf drücken und die Erziehungsfehler wieder gut machen, denn die Psyche ist bereits programmiert. Es gibt von Natur aus keine „schwierigen“ Kinder, sondern sie werden durch die Erziehung dazu gemacht. So die Meinung des Autors.

Winterhoff unterscheidet zwischen drei Beziehungsstörungen:
– Partnerschaftlichkeit mit dem Kind, was das Kind überfordert
– Projektion: Eltern begeben sich unter das Kind
– Symbiose: die Eltern-Psyche verschmilzt mit der Kinder-Psyche

Im Kapitel über Projektion finde ich den Absatz interessant zum Thema „Das Kind ist dafür da, dass ich geliebt werden kann.“ Das ist z.B. der Fall, wenn der Lehrer sich über das Verhalten des Kindes beschwert und die Mutter versucht immer, das Kind zu verteidigen oder findet das Verhalten des Kindes völlig in Ordnung.. Z.B. wenn das Kind agressiv ist und andere Kinder haut und die Mutter hält das für die notwendige Selbtverteidigung ihres Kindes.

Habe selbt mal einen Fall auf dem Spielplatz erlebt. Mehrere Kinder haben zusammen im Sand gespielt. Und ein Kind haut einem anderen mit der Schaufel auf den Kopf. Die Mütter der anderen Kinder sind böse auf das Kind und sagen:“Lass das.“ Die Mutter von dem hauenden Kind sitzt noch ruhig auf der Park und unterhält sich, kommt erst später dazu und sagt zu den anderen sich beschwerenden Müttern:“ Aber er wollte doch nur mitspielen.“ Sie sagt ihrem Kind nicht, dass es kein anderes Kind mit der Schaufel schlagen soll. Das Kind empfindet sein Verhalten also gar nicht als Unrecht. Die Mutter sagt dem Kind nicht, dass es sich entschuldigen soll. Die anderen Kinder wollen wegen der „Schaufelattacke“ nicht mehr mit dem Kind spielen. Es wird also durch sein Verhalten ausgegrenzt ud weiß nicht, warum.

Ein Phänomen sind ja auch Eltern, die nicht akzeptieren wollen, dass ihre Kinder eben nicht so gut sind in der Schule. Sie rennen dann zum Lehrer und beschweren sich über schlechte Noten. Die Schuld wird immer woanders gesucht, aber nie bei dem eigenen Kind für sein Verhalten. Schlechte Noten sind immer die Lehrer in Schuld etc.

Mir ist vieles deutlich geworden beim Lesen dieser Lektüre. Ich kann das Buch nur empfehlen.
Winterhoff hat noch zwei weitere Bücher zu dem Thema geschrieben:
Tyrannen müssen nicht sein: Warum Erziehung allein nicht reicht – Auswege
und Persönlichkeiten statt Tyrannen: Oder: Wie junge Menschen in Leben und Beruf ankommen
Die werde ich mir auch zu Gemüte führen und Euch davon berichten.

Weitere Links:

Buch über „Tyrannenkinder“: Therapeutin warnt vor lebensunfähiger Generation

Zickenkrieg unter Müttern

Kinder von späten Eltern

Der Kultmama-Blog in Social Media

6 Comments

  1. Ich finde es schwierig. Denn ich will meinen Kindern nicht ständig einen Riegel vorschieben, sondern ihr Selbstbewusstsein stärken. Bei uns im Kindergarten wird mittlerweile auch sehr viel Wert auf Partizipation gelegt. Die Kinder sollen mitentscheiden und werden nicht zu allem gezwungen, natürlich gibt es aber auch Regeln.

    Klar kann es dann heißen, da werden sie es aber später in der Schule schwerer haben, denn da MÜSSEN sie dann ja. Auch das ist Auslegungssache: Bei meinem Bruder war es so, dass er bei bestimmten Mathe-Aufgaben in der Grundschule etwas ausmalen sollte. Ausmalen war nicht so seins, Mathe aber schon. Dann wurde mit dem Lehrer gesprochen und es war okay dass er nur rechnet und das Malen weglässt. Was hat Ausmalen auch mit Mathe zu tun?

    Also auch hier kann man Kompromisse finden. Man sollte die Kinder ja in ihren Stärken fördern. Wenn jetzt dieses Ausmalen dem Jungen die Freude am Rechnen verdorben hätte, wäre er vielleicht nicht auf ein mathematisches Gymnasium gegangen.

    Liebe Grüße
    Ella

  2. Ich sehe das eigentlich ganz ähnlich (und kenne das Buch…): Ich denke auch, Kinder brauchen feste Rituale, Grenzen und einen Rahmen, auf den sie sich verlassen können, um sich optimal zu entwickeln.
    Und die Problematik, dass die Schuld immer beim Lehrer gesucht wird, kenne ich auch nur zu gut und kann es nicht nachvollziehen. Ich versuche in solchen Situationen immer zu reflektieren, wie ich das bei einem fremden Kind sehen würde, ob ich es ebenso in Schutz nehmen würde – einfach ohne die emotionale Seite. Klar ist man als Mama dazu geneigt, einen Wall um das eigene Kind zu bauen und auf’s Podest zu stellen, aber damit erschwere ich ihm nur den weiteren Lebensweg, da es sich eigene Unzulänglichkeiten – die ja nun einmal jeder hat! – nicht einzugestehen gelernt hat.
    Ich erkläre meiner Großen dann gerne, wieso etwas so nicht geht etc. und zumeist kann sie es auch nachvollziehen.
    Grundsätzlich bin ich schon immer im Dialog mit ihr, entscheide Dinge mit ihr gemeinsam, wenn ich es für angebracht halte. Aber es gibt eben auch viele Dinge, die ich als fürsorgeberechtigte – und verpflichtete! – für sie entscheiden muss. Passt ihr nicht immer, ist aber halt einfach so.

    LG,
    die Alltagsheldin

  3. Ich habe das Buch nicht gelesen und müsste das vielleicht tun um mitreden zu können, aber allgemein stehe ich Erziehung, im klassischen Sinne, also so wie wir es vermutlich als Kinder erlebt haben, wirklich kritisch gegenüber. Ich widerspreche einfach dem Ansatz, dass Kinder nie so wie sie sind einfach richtig sind, sondern dass es immer einer Erziehung bedarf, immer einer Veränderung, Anpassung, Entwicklung des Kindes. Der Schwerpunkt liegt immer darauf, das Kind möglichst anpassungsfähig zu bekommen und das merkt man auch schon an deinen Ausführungen über das Buch: es geht um Schule und schlechte Noten (= Leistungsorientierung), um Aggression anderen Kindern gegenüber (= Anpassung und / oder Kommunikation) und ohne tiefer in die Beziehung der Eltern zum Kind einzusehen oder das jeweilige „Erziehungskonzept“ zu kennen auch direkt um die Reaktion der Mutter (= Vorurteile). Wenn mein Kind auf dem Spielplatz hauen würde, was es nicht tut, würde ich nicht schimpfen. Ich würde nach dem Grund für den Konflikt suchen und meinem Kind helfen, ihn zu lösen. Wir erziehen hier nicht, sondern leben bedürfnisorientiert vor. Ich weiß ganz genau, dass das in einer von dir beschriebenen Situation aussieht, als wäre ich die typische Hippie-Helikopter-Mom – von mir aus! Aber ich sehe meine Kinder weder als Partnerersatz, noch übertrage ich meine Psyche auf sie. Ich bin nur einfach überzeugt, dass Kinder nicht manipulieren und nicht tyrannisieren wollen und hasse es, wenn Ihnen in diesen ganzen schlauen Erziehungsratgebern immer eine gewisse Form der Boshaftigkeit und Berechnung unterstellt wird. Das ist einfach Kokolores! Meine Kinder erfahren weder Strafe, noch Belohnung, wir leben hier nicht Leistungsorientiert und sie „müssen“ erstmal gar nix. Total unerzogene Blagen, ich weiß… Tja. Aber meine Kinder hauen nicht, wissen sich zu „benehmen“ und passen sich nicht an, sondern haben kapiert, dass man in zwischenmenschlichen Beziehungen nun mal Rücksicht auf andere Menschen nehmen muss – weil wir das vorleben. Sollte ich das Buch nun also lesen oder es lieber lassen? 😉

    P.S.: in einem Punkt gebe ich dir aber Recht – Juul erzählt tatsächlich oft dasselbe 😀

  4. Das Buch hört sich spannend an. Und ich bediene ja nun gleich mehrere Schubladen (bin Lehrerin und alleinerziehend). Was mir aber wichtig ist, ist Gerechtigkeit in Erziehung – sowohl privat als auch in der Schule – Lehrer haben ja neben dem Bildungsauftrag auch einen Erziehungsauftrag 😉
    Kinder brauchen Grenzen, ein Gerüst, das verlässlich ist. Das gilt für daheim und in der Schule. Klare Strukturen werden gern angenommen, da die Kinder wissen, was von ihnen erwartet wird. In der Schule erlebe ich gerade bei denjenigen Dankbarkeit, denen daheim keine oder nur sehr wenig Struktur geboten wird. Und wenn ich dann ab und zu auch mal Fünfe gerade sein lasse, ernte ich viele lächelnde Gesichter.
    Liebe Grüße,
    Yvonne

  5. Hab zwar keine Kinder, aber hatte eine alleinerziehende Mutter die mich wie ein Partner behandelte. Das tat mir nicht so gut. Andererseits haben alleinerziehende immer noch zu wenig gesellsch. Anerkennung und werden steuerlich gegenüber kinderlosen verheirateten Paaren benachteiligt.

    • Da kann ich Dur nur Recht geben, was die Anerkennung und das Finanzielle angeht. Vorurteile gegenüber Alleinerziehenden sind ja an der Tagesordnung.

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